Grundeinkommen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Lehramts-Referendariat

Mit BGE zu Work-Life-Balance und Humanisierung von Flexibilisierungszwängen


In der Debatte über das Bedingungslose Grundeinkommen dominiert die Auseinandersetzung mit Arbeit und Berufswahl, Armut und Verteilung von materiellen Ressourcen. Selten – und wenn dann nur oberflächlich – wird der Aspekt Familie thematisiert. Dass dieser Lebensbereich ebenso Teil der Persönlichkeitsentfaltung ist wie der Beruf, wird – zumindest in meiner Wahrnehmung – häufig vernachlässigt. Für mich persönlich ist die Familie grundsätzlich, und aktuell ganz besonders, ein elementarer Bestandteil meiner Lebensqualität. Insbesondere dann, wenn ich es nebenbei noch schaffe, meinen verschiedenen anderen Tätigkeiten nachzugehen, ohne dass meine Frau und mein Sohn allzu sehr darunter leiden müssen. Dann spricht man wohl von „Work-Life-Balance“.

Dieses Gleichgewicht wird sich in nächster Zeit wohl grundlegend in Richtung „Work“ verschieben. Denn im September beginnt für mich das Lehramtsreferendariat – der Ausbildungsabschnitt, der durch ein enormes Arbeitspensum und hohen Leistungsdruck gekennzeichnet ist. Da muss die Familie zurück stecken. „Berufliche Notwendigkeit“ heißt das dann. Daher wurde in der Vergangenheit bei der Zuweisung zu Seminarstandorten stets auf die familiäre Situation Rücksicht genommen. Dies scheint in diesem Sommer jedoch anders gewesen zu sein. Das Staatsministerium verlangt höchste Flexibilität auch von jungen Eltern und zeigt keine Bereitschaft von seiner Entscheidung abzurücken. Ernsthafte Alternativen gibt es nicht. Ich habe die Wahl zwischen fast vollständigem Verzicht auf Lebensqualität mit der Familie und einer unsicheren Existenzgrundlage. Die beruflichen werden so zu existenziellen Notwendigkeiten. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde hingegen eine tatsächliche Wahlfreiheit schaffen: nehme ich diesen zeitlich begrenzten Verzicht auf Familienzeit in Kauf oder versuche ich mein Glück im nächsten Schul(halb)jahr erneut? Selbst ersteres würde mit Bedingungslosem Grundeinkommen eine weniger große Belastung darstellen…

Work-Life-Balance

Gehen wir erst noch einmal einen Schritt zurück. Worum geht es hier eigentlich? Ich sprach von „Work-Life-Balance“ – ein beflügeltes Wort, das wohl einen Zustand, in dem Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen, meint. Lassen wir die Fragen, was „Arbeit“ eigentlich ist und ob Privatleben keine Arbeit ist, außen vor. Wichtiger wäre hier doch zu wissen, was Work-Life-Balance denn eigentlich auszeichnet. Dem entsprechenden Wikipedia-Artikel ist zu entnehmen, dass es bei der Verwendung dieses Begriffs vielfach offen bleibt, wodurch ein solches Gleichgewicht charakterisiert ist. Und weiter: „Es kann beispielsweise interpretiert werden als eine bestimmte Verteilung der eingesetzten Zeit, um eine subjektiv ausgewogene Priorisierung der Lebensbereiche zu erreichen, das heißt mit der Verteilung der Zeit auf beide Lebensbereiche zufrieden zu sein. Es wird auch oftmals als das Ausbleiben von ein- oder gegenseitigen negativen Beeinflussungen zwischen den Lebensbereichen zu erreichen.“

Es geht also ganz zentral auch um den Faktor Zeit – das knappste Gut, über das wir verfügen. Es geht aber auch um Vereinbarkeit, um Abgleich und Priorisierung von Interessen.

So steht der Begriff Work-Life-Balance eben auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie Wikipedia nahe legt: „Bei der Verwendung des englischsprachigen Ausdrucks […] liegt aber oft eine Betonung auf der individuellen Entscheidung und der Selbstorganisation einerseits und dem Abgleich zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen andererseits“.

Die gesellschaftlichen Bedingungen, von denen solch individuelle Entscheidungen stets abhängen, werden noch zu beleuchten sein. Zunächst möchte ich jedoch eine andere Frage in den Raum werfen: Richtet sich das Privatleben nach dem Arbeitsleben, verhält es sich umgekehrt oder reden wir erst dann von einem Gleichgewicht, wenn sich beide Bereiche gleichermaßen unter- bzw. überordnen lassen? Anders formuliert: sind wir wirklich frei in der Entscheidung, für welchen Lebensbereich wir wie viel Zeit unseres Lebens aufwenden?

Flexibilisierungszwänge

An dieser Stelle kommt ein weiterer Begriff ins Spiel. Der der Flexibilität. Denn frei entscheiden können wir dann, wenn wir flexibel auf neue Situationen in Privat- bzw. Arbeitsleben reagieren und uns den dadurch ergebenden Anforderungen annehmen können. Doch das mit der Flexibilität ist so eine Sache…

Flexibilität wird nämlich mehr und mehr zum Wert an sich erhoben und steht in unmittelbarer Beziehung mit dem Faktor Zeit. Denn wer flexibel sein will, muss schnell reagieren können. „Schnelligkeit bezieht sich dabei auf das Tempo der Bewältigung von Aufgaben aller Art, die von außen gestellt werden: schnell studieren, schnell Karriere machen, schnell Haus bauen und abzahlen, schnell noch Kinder in die Welt setzen usw. Und Flexibilität zielt auf die Bereitschaft, sich diese Aufgaben jeweils auch zu Eigen zu machen, sich an sie optimal anzupassen und sich dabei auch verbiegen zu lassen.“ So beschreibt es Fritz Reheis in seinem Buch „Entschleunigung. Abschied vom Turbokapitalismus“.

In diesen Zeilen kommt auch zum Ausdruck, was mit „Rushhour des Lebens“ gemeint ist. Nämlich genau die Phase des Lebens, in denen man sich mit all den genannten Anforderungen mehr oder minder gleichzeitig konfrontiert sieht. Junge Akademiker sind zum Ende ihres Studiums besonders davon betroffen: die viel zitierte tickende biologische Uhr gerät dann in Konflikt mit der tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahr, nach einer Karriereauszeit den Wiedereinstieg zu verpassen.

Hierzu Reheis: „Das Prinzip ‚Hauptsache flexibel‘ prägt die gesamte Lebensplanung des Menschen. So kann sich bereits die Gründung einer Familie als enormes Flexibilitätshindernis erweisen. Die Zeit, die Menschen für Familie und Kinder benötigen, fehlt nämlich vor allem dort, wo berufliche Notwendigkeiten wie Aus- und Fortbildungen, Dienstreisen oder auch nur das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsstätte unsere Lebenszeit beanspruchen.“

Zwischen diesen Zeilen kann man bereits lesen, dass meist das Arbeitsleben Vorrang vor dem Privatleben hat. Die Zeit mit der Familie richtet sich nach den „beruflichen Notwendigkeiten“.

„Die meisten Berufspendler sind nicht freiwillig mobil, sondern empfinden die Mobilität als Zwang, der nur Nachteile mit sich bringt. Sie klagen über Zeitmangel, Verlust von sozialen Kontakten und die Entfremdung vom Partner und von den Kindern. Dementsprechend ist auch die Zeit, die Eltern, vor allem Väter, mit ihren Kindern verbringen, nach Auskunft der Statistik höchst begrenzt: es sind gerade mal zehn Minuten pro Tag, in denen sich Eltern im Durchschnitt mit ihren schulpflichtigen Kindern beschäftigen – mit ihnen Spielen, Sport treiben oder auch nur spazieren gehen.“

Lehramts-Referendariat: berufliche oder existenzielle Notwendigkeit?

Spätestens hier kommt die persönliche Komponente ins Spiel: Mein Sohn Elias ist mit zwei Jahren zwar noch nicht schulpflichtig, doch ich habe trotzdem Angst, in meinem anstehenden Lebensabschnitt nicht genug Zeit mit ihm verbringen zu können. Umso glücklicher bin ich, bereits während des Studiums Vater geworden zu sein. Elias hat meine persönliche Rushhour des Lebens ein wenig entschleunigt. Denn die Familienplanung hat damit früher als bei den meisten Akademiker-Paaren begonnen. Sie hatte (zwangsläufig) Vorrang vor der Planung der beruflichen Laufbahn. Diese ist bei (Berufsschul-)Lehrern wie mir sowieso weitestgehend vorgegeben: Studium, Referendariat, mit Glück bekommt man eine Planstelle, ansonsten zumindest eine Anstellung.

In meinem Fall steht nun also, ein dreiviertel Jahr nach meinem Examen, der Lebensabschnitt Referendariat an. Unter Gleichgesinnten wird allerdings gemeinhin in Frage gestellt, ob es in diesen zwei Jahren überhaupt noch ein Leben gibt. Es fängt schon damit an, dass die Staatsregierung – in meinem Fall die bayerische – entscheidet, wo man den sogenannten Vorbereitungsdienst abzuleisten hat. In Frage kommende Seminarschulen gibt es schließlich nicht überall. Es wird also Flexibilität erwartet. So weit verständlich. Ebenfalls verständlich: wer Familie hat, ist weniger flexibel. Den (Ehe-)Partner außen vor gelassen: Kinder haben einen Krippen- oder Kindergartenplatz, gehen zur Schule, brauchen ein stabiles Umfeld, um gesund aufwachsen zu können. Ein Umzug mit der Familie kommt also eigentlich nicht in Frage. Zumal man nach einem Jahr bekanntlich wieder einer anderen Schule zugewiesen wird. Laut meinen Informationen wurde daher in der Vergangenheit bei der Zuteilung der Referendare zu den Seminarstandorten stets auf Familien Rücksicht genommen.

Nun scheint aber auch der öffentliche Dienst zunehmend dem Flexibilisierungsdiktat unterworfen zu sein. Anders ist nicht zu erklären, dass von mir und mindestens einem weiteren Bewerber mit Kind verlangt wird, täglich drei Stunden im Auto zu verbringen – auf stark befahrenen Autobahnen in der Metropolregion Nürnberg. Drei Stunden einzuplanen reicht hier also nicht. Die Zugverbindung stellt auch keine nennenswerte Alternative dar. Also doch umziehen? Zumindest Papa-Familienernährer? Ist das überhaupt darstellbar? Kann sich das eine junge Familie mit nur einem, nicht besonders hohen Einkommen überhaupt leisten? Und überhaupt: widerspricht eine solche Familientrennung eigentlich nicht grundlegend den Wertvorstellungen unserer christlich-sozialen Regierung in Bayern?

Wie man hört ist Lebensqualität während dem Referendariat Mangelware. Work-Life-Balance gleich null. Denn der Leistungsdruck und das immense Arbeitspensum dominieren den Alltag der Lehramtsanwärter. Dessen ist man sich wohl bewusst, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet. Man räumt in dieser Phase der Arbeit eine höhere Priorität ein als dem Privatleben. Vollständig aufgeben will man letzteres dann aber doch nicht.

Faktisch steht man in meiner Situation aber nun vor der Wahl, entweder doch genau das zu tun, oder aber in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Denn Arbeitslosengeld kann man wohl keines erwarten, wenn man sich zu Gunsten von Lebensqualität mit Frau und Kind gegen eine existenzsichernde Arbeit entscheidet. Und in der Kürze der Zeit eine Stelle zu finden, die entsprechende materielle Sicherheit für die Familie gewährleistet, scheint auch nicht so einfach zu sein. So werden berufliche Notwendigkeiten ganz schnell zu existenziellen Notwendigkeiten.

Mit Grundeinkommen zu mehr Lebensqualität

Kommen wir also abschließend zu den Rahmenbedingungen, die Work-Life-Balance ermöglichen. Wikipedia spricht dabei von „Bereitstellung von Ressourcen“ und nennt in diesem Zusammenhang Zeit, Geld und Entscheidungsspielräume, „daneben auch persönliche Eigenschaften im Sinne psychologischer, emotionaler und sozialer Ressourcen“. Auch individuelle Einstellungen und Zielsetzungen spielen selbstredend eine wichtige Rolle. Inwieweit ich meine Ziele erreiche und gemäß meiner Einstellungen handeln kann, hängt aber auch ganz zentral von den vorhandenen Entscheidungsspielräumen ab. Diese sind größer, wenn ich selbstbestimmt über die Verteilung meiner Lebenszeit verfügen kann. So genannte berufliche Notwendigkeiten stehen dem aber häufig im Weg. Es sei denn, ich habe es nicht nötig, einen Großteil meiner Lebenszeit für Erwerbsarbeit aufzubringen. Doch wer kann das schon von sich behaupten? Selbstbestimmt handeln und über Lebenszeit verfügen kann ich also erst, wenn ich eine gesicherte Existenz habe.

In diesem Sinne wäre ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein geeignetes Mittel, das Herstellen von Work-Life-Balance zu ermöglichen. Es würde Paaren und Familien eine tatsächliche Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf geben. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen könnte ich mich ohne schlechtes Gewissen dafür entscheiden, das Referendariat unter diesen Umständen zu diesem Zeitpunkt noch nicht anzutreten, stattdessen mehr Zeit für die Familie zu haben, mich parallel weiterzubilden, weiterhin den bisherigen Nebentätigkeiten nachzugehen und mein Glück im nächsten Schul(halb)jahr erneut versuchen. Dann stünden zum Beispiel auch wieder andere Seminarschulen zur Wahl. Wenn ich aber zu dem Schluss komme, dass sich meine familiäre Situation in absehbarer Zeit nicht grundlegend verändern wird, also beispielsweise in näherer Zukunft noch ein oder zwei Kinder hinzukommen sollen, dann würde das Grundeinkommen den faktisch vorhanden Flexibilisierungszwang ein Stück weit humanisieren. Eine kleine Zweitwohnung würde eher erschwinglich werden und auch die ebenfalls nicht zu unterschätzenden Fahrtkosten wären nicht mehr im selben Maße ein abschreckender Faktor. Der zeitlich begrenzte Verzicht auf Lebensqualität durch Work-Life-Balance wäre dann tatsächlich berufliche und nicht existenzielle Notwendigkeit.

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3 Gedanken zu “Grundeinkommen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Lehramts-Referendariat

  1. Hej Lorenz,
    Feiner Artikel, den man traurigerweise noch um viele andere ergänzen könnte… Spontan fallen mir auch Menschen ein, die ihre psychische und/oder physische Gesundheit schonen wollen/müssen und darum lieber dauerhaft TZ arbeiten statt eine Weile VZ und dann zusammen krachen. Aber das kann man vergessen und wen der Medizinische Dienst vom Arschamt alles für voll erwerbsfähig hält, wundert mich immer wieder aufs Neue…
    Rockt Bamberg, solidarische Grüße aus Berlin!

  2. Pingback: BGE als Demokratieimpuls – Widerständiges Verhalten dank bedingungsloser Existenzsicherung | begehbar

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